Erektionsprobleme – und der Weg führt zum Orthopäden? Auf den ersten Blick scheint das nicht unbedingt zusammenzupassen. Genau so begann jedoch ein ungewöhnlicher Fall aus unserer Praxis.
Ein Patient, selbst Mediziner, sportlich, normalgewichtig und ohne wesentliche Vorerkrankungen, bemerkte über einen Zeitraum von etwa sechs Monaten eine zunehmende erektile Dysfunktion. Für ihn war das eine neue Situation. Und eine, für die ganz unterschiedliche Ursachen infrage kommen konnten.
Also stellte sich eine ungewöhnliche Frage: Kann sich bei solchen Beschwerden auch ein Blick auf Wirbelsäule, Becken und Beckenboden lohnen?
Erektile Dysfunktion kann viele Ursachen haben
Eine Erektion ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels. Blutgefäße, Nervensystem, Hormone und psychische Faktoren müssen ebenso zusammenspielen wie verschiedene Muskelgruppen.
Entsprechend vielfältig können die Gründe sein, wenn dieses Zusammenspiel nicht mehr wie gewohnt funktioniert. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, hormonelle Veränderungen, Medikamente, neurologische Erkrankungen, psychische Belastungen oder Stress gehören zu den möglichen Faktoren. Auch Lebensstil und zunehmendes Alter können eine Rolle spielen.
Bei neu auftretenden oder länger anhaltenden Erektionsproblemen ist deshalb eine entsprechende ärztliche Abklärung wichtig. Bei unserem Patienten gab es jedoch noch eine weitere Perspektive.
Was haben Rücken und Becken damit zu tun?
Als Orthopäde betrachtete Dr. Thomas Lagodka den Fall zunächst aus seinem eigenen Fachgebiet.
Dabei ging es nicht darum, die erektile Dysfunktion vorschnell auf den Rücken zurückzuführen. Untersucht wurde vielmehr, ob am Bewegungsapparat funktionelle Auffälligkeiten vorhanden waren, die einen zusätzlichen Behandlungsansatz bieten könnten.
Im Mittelpunkt standen dabei die untere Wirbelsäule und der gesamte Übergang zum Becken:
- die Lendenwirbelsäule,
- der lumbosakrale Übergang,
- die Kreuzdarmbeingelenke,
- der Übergang zwischen Kreuzbein und Steißbein sowie
- die Beckenbodenmuskulatur.
Gerade der letzte Punkt ist interessant, denn der männliche Beckenboden wird häufig erst dann wahrgenommen, wenn Beschwerden auftreten.
Der männliche Beckenboden kann mehr, als viele denken
Der Beckenboden besteht aus verschiedenen Muskeln und umschließt unter anderem Strukturen von Harnröhre und Enddarm. Er trägt zur Kontinenz und Stabilität des Beckenraums bei und ist auch an der Sexualfunktion beteiligt.
Bei einer Erektion wirken bestimmte Beckenbodenmuskeln daran mit, den Blutabfluss aus dem Penis zu reduzieren und so die Aufrechterhaltung der Erektion zu unterstützen. Der Beckenboden ist damit keineswegs ausschließlich ein Thema für Frauen oder für die Zeit nach einer Operation.
Auch bei Männern lohnt es sich, seine Funktion im Blick zu behalten.
Drei Behandlungen – und eine deutliche Veränderung
Bei unserem Patienten wurden funktionelle Auffälligkeiten im Bereich der unteren Wirbelsäule, des Beckens und des Beckenbodens in das Behandlungskonzept einbezogen.
Insgesamt erfolgten drei chirotherapeutisch-osteopathische Behandlungen. Behandelt wurden dabei die funktionellen Zusammenhänge zwischen unterer Wirbelsäule, lumbosakralem Übergang, Kreuzdarmbeingelenken, Kreuz- und Steißbeinregion sowie Beckenboden.
Dann zeigte sich die Veränderung, die diesen Fall für uns so bemerkenswert macht: Nach den Behandlungen hatte sich die Situation nach Angaben des Patienten deutlich gebessert.
Aus einem Problem, das zunächst weit außerhalb der klassischen Orthopädie zu liegen schien, war damit ein Fall geworden, bei dem sich der zusätzliche Blick auf den Bewegungsapparat gelohnt hatte.
Welche Rolle spielt der Beckenboden bei Erektionsproblemen?
Dass der Beckenboden an der männlichen Sexualfunktion beteiligt ist, wird auch therapeutisch genutzt. In Studien wurden deshalb unter anderem gezieltes Beckenbodentraining und physiotherapeutische Verfahren bei Männern mit erektiler Dysfunktion untersucht. Dabei wurden bei einem Teil der Patienten Verbesserungen der erektilen Funktion beobachtet.
Entscheidend ist dabei allerdings, zwischen einem gezielten Beckenbodentraining und der individuellen chirotherapeutisch-osteopathischen Behandlung unseres Patienten zu unterscheiden.
Für die Praxis ergibt sich daraus vor allem ein interessanter Gedanke: Bei Erektionsproblemen kann neben den klassischen urologischen, internistischen und psychischen Faktoren auch die Funktion des Beckenbodens einen Blick wert sein.
Und welche Rolle spielen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein?
Wirbelsäule, Becken und Beckenboden sind anatomisch und funktionell keine voneinander isolierten Systeme.
Der Beckenboden arbeitet gemeinsam mit Bauch-, Rücken- und Atemmuskulatur und trägt zur Stabilisierung des Rumpfes bei. Gleichzeitig verlaufen im Becken und im Bereich der unteren Wirbelsäule wichtige Nervenstrukturen.
Das bedeutet nicht, dass gewöhnliche Rückenschmerzen automatisch Erektionsprobleme verursachen. Interessant wird die orthopädische Perspektive insbesondere dann, wenn zusätzlich Beschwerden oder funktionelle Auffälligkeiten im Bereich von Lendenwirbelsäule, Becken oder Beckenboden vorhanden sind.
Dann kann es sinnvoll sein, diese Strukturen bei der Untersuchung nicht auszuklammern.
Warum dieser Fall in Erinnerung geblieben ist
Unser Patient war körperlich aktiv, achtete auf seine Ernährung, rauchte nicht und hatte keine besonderen Vorerkrankungen. Trotzdem entwickelte sich über Monate eine zunehmende erektile Dysfunktion.
Die orthopädische Untersuchung führte den Blick schließlich an eine Stelle, an die viele Männer bei diesem Problem wahrscheinlich nicht als Erstes denken würden: zur unteren Wirbelsäule, zum Becken und zum Beckenboden.
Nach drei Behandlungen berichtete der Patient über eine deutliche Verbesserung seiner Situation. Gerade solche Fälle zeigen, weshalb Medizin manchmal davon profitiert, Beschwerden nicht ausschließlich innerhalb der naheliegendsten Fachgrenze zu betrachten.
Erektionsprobleme und gleichzeitig Beschwerden an Rücken oder Becken?
Eine neu aufgetretene erektile Dysfunktion sollte ärztlich abgeklärt werden. Das ist auch deshalb wichtig, weil Erektionsprobleme beispielsweise mit Gefäß- und Stoffwechselerkrankungen zusammenhängen können.
Bestehen gleichzeitig Rückenschmerzen, Beschwerden im Bereich des Beckens oder Hinweise auf eine veränderte Beckenbodenfunktion, kann zusätzlich eine Untersuchung des Bewegungsapparates sinnvoll sein.
In unserer orthopädischen Praxis am Münsterplatz in Bonn betrachten wir dabei nicht nur einzelne Gelenke, sondern die funktionellen Zusammenhänge zwischen Wirbelsäule, Becken und Muskulatur.


