Orthopädie Ratgeber

Von der 5 zur 2+ in Mathe: Was hatte der Nacken damit zu tun?

Manchmal beginnt eine orthopädische Geschichte dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

Ein neunjähriger Junge kommt mit einem Problem in unsere Praxis, das auf den ersten Blick wenig mit Orthopädie zu tun hat. Eigentlich ist er ein guter Schüler, aufgeweckt, sportlich und begeisterter Fußballspieler. Sein Ziel ist das Gymnasium.

Doch seit einigen Monaten haben sich seine Leistungen in Mathe drastisch verschlechtert. In der letzten Klassenarbeit schreibt er eine 5. Sogar eine mögliche Dyskalkulie steht inzwischen im Raum. Erst im Gespräch kommt ein weiteres Detail hinzu: Auf Nachfrage berichtet der Junge von einem unangenehmen, schwer zu beschreibenden Gefühl im Nacken.

Grund genug, genauer hinzusehen.

Wenn der Nacken erst auf den zweiten Blick auffällt

Die neurologische Untersuchung ist vollkommen unauffällig. Bei der manuellen Funktionsprüfung zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Im Bereich der Halswirbelsäule finden sich funktionelle Bewegungseinschränkungen, besonders an der oberen Halswirbelsäule und den Kopfgelenken.

Der Junge erhält eine einmalige, schonende manualtherapeutische Behandlung, ergänzt durch osteopathische Techniken.

Seine unmittelbare Reaktion ist bemerkenswert. Nach der Behandlung beschreibt er sein Gefühl mit den Worten, er fühle sich „wie befreit“.

Doch die eigentliche Überraschung folgt erst danach.

Die nächste Klassenarbeit steht an. Diesmal lautet die Note nicht 5, sondern 2+.

Auch danach entwickelt sich seine schulische Laufbahn erfolgreich weiter. Heute steht der damalige Neunjährige vor seinem Abitur, gehört zu den Einser-Kandidaten und möchte Medizin studieren.

Ein außergewöhnlicher Verlauf – und ein schönes Beispiel dafür, warum es sich lohnen kann, bei ungewöhnlichen Beschwerden nicht ausschließlich dort zu suchen, wo das offensichtlichste Problem liegt.

Was hat die Halswirbelsäule mit unserem Wohlbefinden zu tun?

Unsere Halswirbelsäule erfüllt weit mehr Aufgaben, als den Kopf zu tragen und seine Bewegung zu ermöglichen.

Insbesondere die obere Halswirbelsäule und die Kopfgelenke verfügen über zahlreiche Rezeptoren, die dem Nervensystem fortlaufend Informationen über Stellung und Bewegung des Kopfes übermitteln. Diese propriozeptiven Informationen spielen unter anderem für die räumliche Orientierung und die Koordination von Kopf, Augen und Körper eine Rolle.

Hinzu kommt etwas wesentlich Alltäglicheres: Beschwerden im Nacken können das allgemeine Wohlbefinden beeinträchtigen. Schmerzen, Verspannungsgefühl, eingeschränkte Beweglichkeit oder begleitende Kopfschmerzen können im Alltag durchaus belastend sein.

Gerade bei Kindern sind solche Beschwerden nicht immer leicht zu erkennen. Ein Kind beschreibt sein Problem schließlich nicht unbedingt als „Funktionsstörung meiner oberen Halswirbelsäule“. Manchmal ist es einfach ein unangenehmes Gefühl, ein Ziehen oder der Eindruck, dass mit dem Nacken etwas nicht stimmt.

Genau deshalb lohnt es sich, solche Hinweise ernst zu nehmen.

Schüler schreibt während des Lernens in ein Heft

Schlechte Schulnoten und Nackenbeschwerden – wann sollte man genauer hinsehen?

Eine plötzlich schlechtere Mathematiknote ist natürlich zunächst kein orthopädisches Problem. Auch Schwierigkeiten beim Rechnen gehören in die Hände der dafür zuständigen Fachleute.

Interessant wird es aus orthopädischer Sicht, wenn gleichzeitig körperliche Beschwerden auftreten.

Klagt ein Kind beispielsweise wiederholt über Nacken- oder Kopfschmerzen, Bewegungseinschränkungen oder andere körperliche Auffälligkeiten, kann es sinnvoll sein, diese unabhängig von den schulischen Problemen untersuchen zu lassen.

Denn ein funktionelles Problem der Halswirbelsäule kann behandelt werden – unabhängig davon, was letztlich der Auslöser dafür war und welche anderen Faktoren gleichzeitig eine Rolle spielen.

Bei unserem neunjährigen Patienten war genau dieser zweite Blick entscheidend: Neben der schulischen Veränderung gab es einen körperlichen Hinweis. Die Untersuchung führte zu einem konkreten orthopädischen Befund und damit zu einem Ansatzpunkt für die Behandlung.

Was passiert bei einer manualtherapeutischen Untersuchung?

Bei einer solchen Untersuchung geht es nicht nur darum, ob irgendwo „der Nacken weh tut“.

Untersucht werden unter anderem Beweglichkeit und Funktion verschiedener Abschnitte der Wirbelsäule. Dabei können Funktions- und Bewegungseinschränkungen auffallen, die im normalen Alltag zunächst gar nicht eindeutig wahrgenommen werden.

Gerade an der Halswirbelsäule erfolgt die Untersuchung differenziert. Gleichzeitig wird darauf geachtet, ob Beschwerden vorliegen, die einer anderen oder weiterführenden medizinischen Abklärung bedürfen.

Bei unserem jungen Patienten ergab die neurologische Untersuchung keinen auffälligen Befund. Die manuelle Untersuchung der Halswirbelsäule zeigte dagegen funktionelle Auffälligkeiten, die anschließend behandelt wurden.

Warum dieser Fall bis heute in Erinnerung geblieben ist

Es war nicht der Nackenbefund allein, der diesen Patienten zu einem unserer ungewöhnlichen Fälle gemacht hat.

Es war die Kombination:

Ein guter Schüler entwickelt plötzlich massive Schwierigkeiten in Mathematik. Gleichzeitig bestehen zunächst kaum beachtete Nackenbeschwerden. Bei der Untersuchung fallen Funktionsstörungen der Halswirbelsäule und der Kopfgelenke auf. Nach einer einzigen Behandlung fühlt sich der Junge nach eigener Aussage „wie befreit“.

Und die nächste Mathematikarbeit? 2+ statt 5.

Genau solche Verläufe erinnern uns daran, den Menschen nicht auf ein einzelnes Symptom zu reduzieren.

Wenn Beschwerden nicht ins gewohnte Muster passen

Sie oder Ihr Kind haben Beschwerden, für die bislang keine eindeutige Erklärung gefunden wurde – und gleichzeitig bestehen Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen im Bereich von Rücken, Nacken oder Bewegungsapparat?

Dann kann eine orthopädische Untersuchung ein sinnvoller weiterer Baustein bei der Suche nach der Ursache sein.