Schwindel kann den Alltag von einem Moment auf den anderen lahmlegen. Genau das erlebte eine 54-jährige Patientin, die sich im Sommer 2022 in unserer Praxis vorstellte.
Seit Monaten litt sie unter plötzlich auftretenden, heftigen Schwindelattacken. Wenn eine solche Attacke einsetzte, war an einen normalen Alltag kaum zu denken: Aufstehen fiel ihr schwer, Arbeiten war nicht möglich.
Das Ungewöhnliche: Eine eindeutige Ursache war bislang nicht gefunden worden. Eine Untersuchung beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt hatte keinen auffälligen Befund ergeben. Die Patientin selbst hatte jedoch eine interessante Beobachtung gemacht.
Bestimmte Positionen ihres Kopfes schienen mit dem Auftreten des Schwindels zusammenzuhängen. Und damit rückte die Halswirbelsäule in den Fokus.
Schwindel bei einer eigentlich sehr aktiven Patientin
Die Patientin war körperlich ausgesprochen aktiv. Zweimal pro Woche trainierte sie im Fitnessstudio, zusätzlich ging sie regelmäßig joggen und absolvierte dabei Strecken von etwa acht bis zehn Kilometern. Umso stärker schränkten sie die wiederkehrenden Schwindelattacken ein.
Bei der neurologischen Untersuchung zeigten sich keine Auffälligkeiten. Auch während der Untersuchung ließ sich der Schwindel nicht unmittelbar reproduzieren. Bei der funktionellen Untersuchung von Hals- und Brustwirbelsäule fanden sich jedoch mehrere Bewegungseinschränkungen.
Vor allem die Beobachtung der Patientin selbst war interessant: Die Position ihres Kopfes schien einen Einfluss auf ihre Beschwerden zu haben.
Die nächste Klassenarbeit steht an. Diesmal lautet die Note nicht 5, sondern 2+.
Auch danach entwickelt sich seine schulische Laufbahn erfolgreich weiter. Heute steht der damalige Neunjährige vor seinem Abitur, gehört zu den Einser-Kandidaten und möchte Medizin studieren.
Ein außergewöhnlicher Verlauf – und ein schönes Beispiel dafür, warum es sich lohnen kann, bei ungewöhnlichen Beschwerden nicht ausschließlich dort zu suchen, wo das offensichtlichste Problem liegt.
Kann Schwindel tatsächlich vom Nacken kommen?
Wenn von Schwindel die Rede ist, denken viele zunächst an das Innenohr, den Kreislauf oder neurologische Ursachen. Das ist auch richtig – Schwindel kann sehr unterschiedliche Auslöser haben. Daneben gibt es jedoch Schwindelbeschwerden, die im Zusammenhang mit der Halswirbelsäule auftreten können. In der Fachliteratur wird hierfür unter anderem der Begriff zervikogener beziehungsweise zervikaler Schwindel verwendet.
Typisch können dabei Schwindel oder Unsicherheitsgefühle sein, die gemeinsam mit Beschwerden oder Funktionsstörungen der Halswirbelsäule auftreten und durch bestimmte Bewegungen oder Positionen des Nackens beeinflusst werden. Das lässt sich auch anatomisch nachvollziehen: Muskeln und Gelenke der Halswirbelsäule liefern dem Nervensystem ständig Informationen darüber, wie Kopf und Hals im Raum positioniert sind. Diese Informationen werden mit Signalen aus den Augen und dem Gleichgewichtsorgan verarbeitet.
Gerade deshalb lohnt sich bei wiederkehrendem Schwindel manchmal auch der Blick auf den Bewegungsapparat.
Zwei Behandlungen – danach blieben die Attacken aus
Bei unserer Patientin wurden Hals- und Brustwirbelsäule in zwei Sitzungen manualtherapeutisch behandelt.
Ergänzend setzte Dr. Thomas Lagodka Ohrakupunktur ein. Da aufgrund der Beschreibung der Beschwerden auch eine Beteiligung des Gleichgewichtsorgans in Betracht gezogen wurde, gehörte außerdem eine beidseitige Mastoid-Perkussion zum individuellen Behandlungskonzept.
Dann zeigte sich ein bemerkenswerter Verlauf: Die Schwindelattacken verschwanden.
Nach Angaben der Patientin ist sie seit der damaligen Behandlung bis heute beschwerdefrei. Gerade die Verbindung aus bestimmten Kopfpositionen, funktionellen Auffälligkeiten der Halswirbelsäule und dem anschließenden Verlauf machte diesen Fall zu einer der Geschichten, die aus dem Praxisalltag in Erinnerung bleiben.
Warum die Halswirbelsäule beim Thema Schwindel einen Blick wert sein kann
Der Zusammenhang zwischen Nacken und Gleichgewicht beschäftigt auch die medizinische Forschung.
In klinischen Studien wurde untersucht, wie sich manuelle Behandlung der Halswirbelsäule bei Patienten mit zervikal bedingtem Schwindel auswirkt. Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse randomisierter Studien fand bei Behandlungen der oberen Halswirbelsäule Verbesserungen hinsichtlich Intensität und Beeinträchtigung durch den Schwindel gegenüber Kontroll- beziehungsweise Scheinbehandlungen. Die Autoren bewerteten die Sicherheit der Evidenz allerdings als niedrig bis sehr niedrig.
Für die Praxis ist vor allem entscheidend, welche Beschwerden gemeinsam auftreten. Bestehen neben dem Schwindel beispielsweise Nackenbeschwerden oder Bewegungseinschränkungen? Verändert sich der Schwindel bei bestimmten Bewegungen oder Kopfpositionen? Gibt es Auffälligkeiten an der Halswirbelsäule?
Solche Hinweise können Anlass sein, die Halswirbelsäule in die Untersuchung einzubeziehen.
Schwindel ist nicht gleich Schwindel
Gleichzeitig ist eine genaue Abklärung wichtig. Denn hinter dem Wort „Schwindel“ können ganz unterschiedliche Phänomene stecken.
Eine bekannte Ursache für lageabhängigen Drehschwindel ist beispielsweise der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS/BPPV). Dabei spielen kleine Kalziumkarbonat-Partikel – sogenannte Otokonien – im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs eine Rolle. Für diese Form des Schwindels stehen gezielte diagnostische Lagerungsprüfungen und Repositionsmanöver zur Verfügung.
Daneben kommen zahlreiche weitere Ursachen infrage – vom Innenohr über neurologische und kardiovaskuläre Erkrankungen bis hin zu Medikamenten oder eben Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule. Deshalb ist nicht jede Schwindelattacke automatisch ein Fall für die Orthopädie.
Bei unserer Patientin war die HNO-ärztliche Untersuchung bereits erfolgt und ohne auffälligen Befund geblieben. Die Verbindung zu bestimmten Kopfhaltungen und die funktionellen Auffälligkeiten der Halswirbelsäule lieferten anschließend einen Ansatzpunkt für die orthopädische Behandlung.
Wenn der Schwindel kommt – und die Ursache unklar bleibt
Gerade bei wiederkehrenden Beschwerden lohnt es sich, genau zu beobachten, wann und in welcher Situation der Schwindel auftritt.
Bestehen gleichzeitig Nackenbeschwerden oder Bewegungseinschränkungen, verändert sich das Gefühl abhängig von der Stellung des Kopfes oder wurden andere naheliegende Ursachen bereits untersucht, kann auch eine orthopädische Untersuchung der Halswirbelsäule sinnvoll sein.
Bei der damals 54-jährigen Patientin führte dieser zusätzliche Blick auf Hals- und Brustwirbelsäule zu einem Behandlungsansatz, nach dem die zuvor monatelang wiederkehrenden Attacken ausblieben. Bis heute.
Schwindel und gleichzeitig Beschwerden an der Halswirbelsäule?
In unserer orthopädischen Praxis am Münsterplatz untersuchen wir Funktionsstörungen der Halswirbelsäule und prüfen, ob sich daraus ein sinnvoller orthopädischer Behandlungsansatz ergibt.


